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Kirschkernweitspucken mit Hindernissen

Gerade erst schrieb ich den Blogartikel „Die Kirschen in meinem Körbchen“:
verzagt, ängstlich und doch entschlossen.

Und dann wirbelte sie los, die kollektive Kirschernte!

Von allen Seiten kamen Kirschen angeflogen:

via Facebook-Chat, Instagram-Chat, Twitter-Chat, XING, WhatsApp, SMS, E-Mail, Telefon, Postbote, Paketpost, Telekinese.

Ich bin jetzt noch ganz überwältigt von dieser unfassbaren Resonanz und kann noch gar nicht richtig begreifen, geschweige denn verstoffwechseln, was da alles in meinem Körbchen kichert und noch auf Antwort von mir wartet.

Während Kirschen wie die Lemminge zu meinem Körbchen laufen, warte ich hoffnungssüchtig auf Rückrufe vom Onkologen und sauge ich mich drei Tage gierig auf dem Watt En Schlick Fest mit Glückspeng voll – wer weiß, wann es wieder was gibt.

Während Kirschen in mein Körbchen arschbomben, geht eine Mitpatientin Simpsons-Wolken aufschütteln, eine andere wird vom Reisefieber gepackt – nun winkt wohl ihre große Exkursion am Horizont.

Während Kirsche auf Kirsche hopst, erblickt der Hashtag #kirschenfürBine das Licht der Welt, unterzeichne ich meinen Autorenvertrag für mein Comic-Tagebuch, komme ich vor lauter Aufregung gar nicht dazu, das auch würdig zu feiern.

Während Kirsche sich mit Kirsche kugelt, schummeln sich einige faule Pflaumen ins Körbchen, wollen mir Pülverchen verkaufen und fügen mich ungefragt zu irgendwelchen Lifestyle-Gruppen hinzu. Ich pflücke sie umgehend heraus und werfe sie in hohem Bogen in den Kompost, wo sie genüsslich von Würmchen verschmatzt werden.

Während Kirsche sich mit Kirsche arrangiert, bekomme ich meine erste Schorle verabreicht, die mich prompt drei Tage außer Gefecht setzt und obendrein mit einem juckenden Body aka allergische Reaktion beschenkt. Soll heißen: das Mittel, das mir das Leben versüßen verlängern soll, scheint meinem Immunsystem nicht in den Kram zu passen**.

Während Kirsche sich mit Kirsche befreundet, stechen Wespen in Hundelefzen, kommen meine Schwiegereltern aus dem wohlverdienten Urlaub zurück und lassen sich von meinem Mann das frisch renovierte Glasereibüro zeigen. Von meinem Kirschkörbchen wissen sie noch nix.

Während Kirsche mit Kirsche anbandelt, wage ich den Anruf aller Anrufe, ein Orientierungsgespräch mit der Teamleitung eines SAPV/Palliativ Care-Teams. Das ist sozusagen der ADAC für ganz doll Erkrankte, die wahrscheinlich nicht mehr ganz heil werden.

Und nein, ich  werde dadurch noch nicht verschrottet, sondern lediglich während meiner vollumfänglichen Instandsetzung entlastet und umhüllt (to care = Fürsorge, Versorgung, Betreuung, Aufmerksamkeit), bis ich hoffentlich wieder ohne Abschleppwagen meinen Genesungspfad entlang sause.

Während Kirsche zaghaft mit Kirsche Händchen hält, frage ich mich, wann ich wohl endlich zum Kirschkernweitspucken komme und ob sich Kirschen eigentlich verlieben können.

**
Es besteht noch eine berechtigte Hoffnung, dass es nicht der Wirkstoff, sondern der Träger ist, auf den mein Körper allergisch reagiert. Heute starten wir einen zweiten Versuch, von dem nun alles weitere abhängt.

Drama kann ich.

Gleich weiterstöbern:

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2 Kommentare zu “Kirschkernweitspucken mit Hindernissen”

  1. Anja Meineke sagt:

    Drama, Baby Von wegen … Du tapfere, geniale, tolle und liebe Bine
    Wir machen hier gerade Zwetschgenkern-Weitspucken. Jeder Kern ein guter Wunsch für Dich.
    Kein Vergleich zum Kirschkern-Weitspucken! Viel schwieriger. Echt jetzt!!!
    Doch Kern an Kern gesellt sich gern
    Da geht noch was, das fühlen wir und sind in Gedanken stets mit Dir!
    Es grüßen mehr mit dem Herzen als mit den Füßen,
    Die Süßen aus Austria
    Anja & Seniore Pio

    1. Liebe Anja,
      ja, da geht noch was! Mit dir zusammen immer!
      Ganz liebe Grüße
      Sabine

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