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Kleine Klienten-Typologie: Kunde, Klagender oder Besucher?

Neulich erzählte mir eine Kollegin von einem Coachee (= Klient), an dem sie sich „total die Zähne ausgebissen“ hat, ohne ihrer Meinung nach wirksam gewesen zu sein.

Sie war kreuzunglücklich, dass sie ein so schlechtes Coaching hingelegt und ihren Klienten – vermutlich – nicht zufriedengestellt hatte.

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Auch ein Coach hat mal Selbstzweifel…

Gemeinsam versuchten wir auseinanderzudröseln, warum das Coaching so zäh gewesen war und sie sich so abstrampeln musste. Denn schließlich heißt es doch immer so schön:

„Never work harder as your client!“

Als Coach ist man schließlich „nur“ die Hebamme des Coachees. Zur Welt bringen muss immer noch er, was er ausbrütet.

Naja, so ähnlich jedenfalls…

Dabei fiel uns wieder ein, dass der Erfolg eines Coachings maßgeblich davon abhängt, wie die Art der Beziehung zwischen Coach und Coachee beschaffen ist.

Wie war das noch gleich mit den Beziehungstypen?

Laut den Psychotherapeuten Steve de Shazer und Insoo Kim Berg („Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie), gibt es drei bzw. vier Beziehungstypen, die ein Coaching bestimmen.

Wichtig: hiermit sind aber ausdrücklich nicht die Klienten gemeint, sondern das Wesen der Interaktion zwischen Coach und Coachee!

Interaktion vom Typ der „Kunden“

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  • Coach und Coachee erkennen gemeinsam ein Problem bzw. Coachingziel.
  • Der Coachee macht deutlich, dass er sich selbst als Teil der Lösung sieht.
  • Er ist bereit, aktiv an der Erreichung seines Ziels bzw. Überwindung des Problems mitzuwirken.
  • Der Coach erklärt sich bereit, dem Coachee bei der Zielerreichung zu helfen.
  • Und zwar indem er an den Coachee glaubt.
  • Und indem er ihn prozessbegleitend mit allen Mitteln bei der Lösungsfindung unterstützt.
  • Die eigentliche „Arbeit“ jedoch macht der Coachee.

Solche Coachings klappen in der Regel wie am Schnürchen, Coach und Coachee haben das Gefühl, voll wirksam zu sein und an einem Strang zu ziehen.

Meine Erfahrung: nach so einem Coaching fühlen der Coachee und ich uns meist so richtig beseelt und zuversichtlich. Für dieses Glücksgefühl liebe ich meinen Job besonders.

Interaktion vom Typ der „Klagenden“

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  • Coach und Coachee erkennen gemeinsam ein Problem bzw. Coachingziel.
  • Sie erkennen jedoch nicht die konkreten Schritte, die der Coachee machen muss, um sein Problem zu überwinden.
  • Der Coachee ist gut in der Lage, sein Problem oder sein Ziel ausführlich zu beschreiben.
  • Der Coachee sieht sich jedoch nicht zwingend als einen Teil der Lösung sondern als Opfer an.
  • Er ist der Meinung, dass die Hilfe von außen kommen muss, bzw. er hat die Erwartungshaltung, dass jemand anderes sich ändern muss.
  • Aus dieser Opferrolle heraus kann der Coachee nicht handeln.

Bei diesen Coachings kommt oft das Gefühl auf, sich im Kreis zu drehen. Immer wieder wird das Problem von allen Seiten beschrieben. Es kann in den Sitzungen zu unproduktiven Wiederholungsschleifen kommen.

Der Coachee braucht in erster Linie einen Zuhörer und ganz viel Würdigung für sein Problem. Und er braucht Verständnis dafür, er das Problem bislang nicht selbst lösen konnte, weil es eben so schwer ist. Zu einem Kunden verwandelt sich der Klagende, wenn er eine Idee bekommt, was er dazu beitragen kann, die Situation konstruktiv zum Positiven zu verändern. So kann er Eigeninitiative ergreifen und handlungsfähig werden.

Ich habe mir in solchen Konstellationen auch schon manches Mal die Zähne ausgebissen. Gleichwohl sehe ich es als schöne Aufgabe an, den Coachee aus seiner Opferrolle zu holen und ihm passende Werkzeuge an die Hand zu geben. Auch, wenn es manchmal wirklich nicht einfach ist.

Interaktion vom Typ der „Besucher“

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  • Der Coachee wird meistens von jemand anderem geschickt (Chef, Lebenspartner, etc.).
  • Jemand Drittes hat das Problem des Coachees definiert.
  • Der Coachee ist der Meinung, dass es für ihn gar kein Problem darstellt und eher jemand anders ein Problem mit ihm hat.
  • Coach und Coachee finden am Ende einer Sitzung kein Problem und kein Ziel, an dem gemeinsam gearbeitet werden soll.

Dieses Coaching kann man im Grunde nicht durchführen. Da der Coachee der Meinung ist, kein Problem zu haben, würde er jegliche Intervention seitens des Coachs als übergriffig erleben – zu Recht.

Da ich auch für Firmen arbeite, die mir ihre Mitarbeiter schicken, muss ich immer ganz besonders darauf achten, dass die Coachees auch wirklich ein Problem sehen, an dem sie mitarbeiten wollen. Eine gute Auftragsklärung ist ohnehin – und hier ganz besonders – das A und O.

Interaktion vom Typ der „Co-Coachs“

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  • Der Co-Coach bringt ein bereits ausgearbeitetes Lösungskonzept ins Coaching mit.
  • Er hat die Handlungschritte bereits vor Augen und möchte z. B. verschiedene Szenarien durchspielen.
  • Er möchte seine Entscheidung gut vorbereiten und eventuelle Hindernisse aufdecken.
  • Der Coach hilft dabei, z. B. noch nicht durchdachte Alternativen zu finden oder ihn für den „Absprung“ zu stärken.

Solche Coachings habe ich schon einige Male erlebt und finde sie total spannend!

Doch was hieß das jetzt für meine Kollegin?

Wir kamen gemeinsam überein, dass ihr Klient noch in seiner Opferrolle feststeckte und sie ihm da bisher nicht heraushelfen konnte. Es handelte sich offenbar um eine „Klagende-Interaktion“.

Also heckten wir ein paar Ideen für ihr nächstes Coaching aus, wie sie die Beziehung in eine „Kunden-Interaktion“ verwandeln könnte.

Jedenfalls ist sie wieder frohen Mutes und hat einige konkrete Ansätze, wie sie ihren Klienten aus der Opferrolle rausholen möchte. Ich bin schon gespannt, was sie demnächst berichtet.

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6 Kommentare zu “Kleine Klienten-Typologie: Kunde, Klagender oder Besucher?”

  1. Britzkow sagt:

    Witzig, klar ,verständlich und gut anwendbar.Danke

    1. Toll! Danke für das nette Feedback!

  2. Thomas sagt:

    Vielen Dank für diese tolle Erklärung! Das hat mir wirklich einiges an Verständnis gebracht!

    1. Vielen Dank, Thomas, dass du einen Kommentar hier im Blog hinterlässt. Ich freue mich, wenn dir der Artikel helfen konnte.
      Herzliche Grüße, Sabine

  3. Bianca Senf sagt:

    Liebe Frau Dinkel,

    ich bin mir nicht sicher, ob wir uns schon einmal kennen gelernt haben, jedenfalls kommen Sie mir recht bekannt vor.
    Ich bin Psychoonkologie und leite die Abteilung Psychoonkologie in der Uni Frankfurt.
    Ich bin zufällig auf Ihre web-site gestoßen und mir haben u.a. Ihre Cartoons gefallen.
    Wenn es Ihnen einigermaßen geht, freue ich mich über eine Mail von Ihnen. Ich suche immer wieder nach Ideen für meine Patienten und das, was Sie schreiben, kommt mir sehr entgegen.
    Konkret bin ich auch dabei, ein Buch über praktische Psychoonkologie zu verfassen. Cartoons dazu fände ich prima:)
    Alles Gute vorerst für Sie, herzliche Grüße
    Bianca Senf

    1. Liebe Frau Senf,
      vielen Dank für Ihre Zeilen hier in meinem Blog.
      Ich schicke Ihnen eine E-Mail.

      Herzliche Grüße
      Sabine Dinkel

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