< zurück

Mit Hildegard am Rockzipfel so richtig eigenstimmig sein

„Ach Hildegard, kannst du nicht zuhause bleiben oder wenigstens mal für eine Weile den Schnabel halten?“

Hildegard – so heißt meine Angst

Der Zustand, den die „kleine“ Nervensäge im Schlepptau hat:
„Berechtigter Bammel“ gepaart mit Traurigkeit.

Diese Zeichnung ist ein Auszug aus meinem Comic-Tagebuch „Arschbombe in die Untiefen des Lebens“, das gerade frisch erschienen ist!

Das, was in ihrem Oberstübchen an krausen Gedanken herumwabert, ist vor allem eines: düster, sorgenvoll und grieselgrau.

Das Fiese daran: ihre Furcht und ihr damit verbundenes Gejammer sind ja durchaus angebracht. Denn sie hat gute Gründe, sich zu sorgen.

Schließlich behaust Hildegard mich, eine der unzähligen BewohnerInnen von Planet Schnieptröte. Das ist dieser gefürchtete Planet, auf dem man als KrebspatientIn ungefragt abgeworfen wird, zahlreiche Abenteuer überstehen muss und ständig Gefahr läuft, sich *schwuppdiwuppdi* vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums im Holzpyjama wiederzufinden.

Die Aussicht auf eine Karriere als Himmelsharfinistin ist für mich, die nicht mehr kurativ (auf Heilung ausgerichtet), sondern palliativ-onkologisch (auf Linderung der Symptome ausgerichtet) behandelt wird, in gewisser Weise allgegenwärtig.

Wieviele Pfeile meine Ärzte noch für mich im Köcher haben, weiß ich nicht. Und dass nicht alle dieser Pfeile ins Schwarze treffen, durfte ich ja gerade am eigenen Leib erfahren.

Somit sind wir wohl oder übel alle gemeinsam mit einer blinden und sehr vorlauten Passagierin in den „Urlaub“ gefahren, mein Mann, unsere Hunde Wilma und Frieda, ich und – ihr ahnt es – Hildegard.

Ich schreibe Urlaub bewusst in Tüddelchen, weil ich während dieses Ortswechsels meine Schorletherapie (= Chemo) fortführe und somit einen Teil der Zeit beim Onkodoc am Urlaubsort und im von ihm geführten Wirtshaus zum fröhlichen Tropf verbringe, sprich:

Woche 1:
Arztbesuch 1: Kennenlern- und Therapiegespräch zu Beginn
Arztbesuch 2: Blutkontrolle: zu wenig weiße Wichtel an Bord – daher fällt Schorle aus
Arztbesuch 3: Notfalltermin wegen Blasenentzündung: Antibiotika

Woche 2:
Arztbesuch 4: Therapieaufklärungsgespräch + Blutkontrolle
Arztbesuch 5: Schorletherapie

Woche 3:
Arztbesuch 6: Blutkontrolle
Arztbesuch 7: Schorletherapie + Abschlussgespräch
(hoffentlich keine weiteren Besuche, denn die Woche ist ja noch nicht vorbei.)

Nach den Wirtshausbesuchen folgen i. d. R. ca. drei Tage, an denen ich

a) stets ein WC oder blickdichtes Gebüsch in unmittelbarer Nähe brauche,
b) Onkel Nausea (aka Ismirübel) und Tante Fatigue hinter der Ecke lauern und
c) meine Lebensgeister seelisch auf allen Vieren zwischen 3 und 5 (von 10) herumkreuchen.

Keine Ahnung, ob Schorle wirklich depressiv macht oder ob ich depressiv werde, weil es mir nicht so gut geht, aber ich ahne, dass eine gewisse Schwermut mit jeder Infusion in mich hineintröpfelt.

Kurzum: ein fancy Urlaubsfeeling sieht anders aus

Gleichwohl kann ich sagen, dass eine Schorletherapie an einem anderen Ort sehr viel schöner ist als zuhause, besonders dann, wenn dieser Ort in Gimmeldingen ist, das zu Neustadt an der Weinstraße gehört.

Über uns: viel blauer Himmel und Herbstsonne
Vor uns: bunte Weinberge
Hinter uns: bunte Weinberge
Neben uns: bunte Weinberge
Unter uns: bunte Weinberge
In uns: eingelegte Birnen, Hefezopf, Traubensaft, Apfelkuchen und allerhand Pfälzer Köstlichkeiten mehr.

All diese wunderbaren Gegengewichte in der Positiv-Waagschale verdanken wir unseren herzenswarmen Herbergseltern, die uns kostenlos in ihrer schönen hellen Gästewohnung wohnen lassen. Und Sandra Pfisterer, die den Kontakt zur Onkologie hergestellt hat.

Wahnsinn, welch wunderbare Menschen ich immer wieder über Social Media kennenlerne!

Noch dazu sind unsere haarigen – und haarenden … man könnte glatt einen dritten Basset daraus stricken – Langohren sehr willkommen.

Ohne das großzügige Herzensangebot unserer liebenswürdigen Gimmeldinger Gastfamilie hätten wir vermutlich auf Hildegard gehört und gar kein Ferienhaus gebucht. Selbst dann nicht, wenn wir eines gefunden hätten, das ausnahmsweise nicht nach „Jetzt, wo Oma tot ist, feudeln wir halt einmal schnell durch und dann *händereib* schieben wir einfach ein paar Touristen rein“ aussieht.

Denn Hildegard hatte berechtigterweise folgende Sorgen: „Was ist, wenn wir aufgrund der Erkrankung abbrechen müssen oder gar nicht erst losfahren können? Das Geld bekommen wir ja gar nicht wieder, Reiserücktrittsversicherungen versichern doch keine Bewohner von Planet Schnieptröte!“ (Ja, das ist leider so. Wissen viele nur nicht.)

Und da wir dieses wunderbare Angebot dankbar angenommen haben, konnten wir auch das Eigenstimmig Herbstfest besuchen, um das herum wir ja ursprünglich unseren Urlaub geplant hatten. Das war allerdings noch zu einer Zeit, als ich noch kein „Return of the Schnieptröte – Teil II“ und somit eine dritte Chemotherapie in Aussicht hatte.

Nun war ich also mit einer gewissen seelischen Erschwernis-Zulage auf dem Eigenstimmig Herbstfest, auf das ich mich ja nun schon sooooo lange vorgefreut hatte. Viel lieber wäre ich in einem guten seelischen Zustand dort hingegangen.

Blöderweise waren meine Anteile an Introversion an diesem Tag extrem hoch. Grmpf.

Nach außen hin bin ich freundlich und rosig

In mir drinnen blubbert eine Suppe aus Scheu, Verzagt sein, Anspannung und Traurigkeit. Noch dazu fühlt sich mein Sprachzentrum an wie leer gelenzt.

Normalerweise verkrieche ich mich in solchen Phasen mit einem tröstlichen Druckerzeugnis, einer Wärmflasche und ganz viel Flausch in mein Mauseloch (Sofa/Bett), umarme Hildegard und verdrücke mit ihr zusammen ein Glas Tränen.

Da ich jedoch unbedingt auf diese Veranstaltung wollte, kullern meine Zähren halt zeitweise dort aus mir heraus; Hildegard ist zwar zwischendrin immer mal wieder abgelenkt (Vorträge, Hundegassi, Kuchen), hat aber dennoch genug Gelegenheit, mir wehklagend in den Ohren zu liegen.

Während die Teilnehmerinnen vor Daseinsfreude, Wohlgefühl und Frohsinn überschäumen, versuche ich, mich zu stabilisieren.

  • Denn ich bin aktuell zutiefst traurig darüber, dass ich nicht weiß, wie wie es mit mir weiter geht und ob ich überhaupt noch arbeiten kann, sprich: coachen, Lesungen und Workshops geben.
  • Bekümmert darüber, dass ich einerseits solche Lust hätte, neue Projekte anzuschieben andererseits aber nicht mehr über genug Kraft verfüge und ja auch nicht weiß, wieviel Lebenszeit mir bleibt.
  • Unglücklich darüber, dass ich mich mit „Raus aus dem Leben“ befassen muss, während alle anderen Anwesenden lustvoll mit „Rein ins Leben“ beschäftigt sind.
  • Betrübt darüber, dass zwei meiner onkologischen Lieblingsschwestern aus Hamburg nicht mehr da sind, wenn ich zurück in die heimische Praxis komme.
  • Traurig darüber, dass in diesem Moment wieder zwei liebe MitpatientInnen (Gute Reise, liebe Alexa. Mach’s gut, lieber Dieter) in die Anderswelt gleiten, ebenso die Basset-Mama unserer kleinen Frieda (Farvel liebe Carina).

Zum Glück sind die Eigenstimmig-Frauen so warmherzig und verbindend, dass ich mich trotz mit meiner wunden Seele getragen fühle. Ich kann einfach so sein, wie ich gerade bin. Auch traurig und wund.

An meiner Seite: Christine Kempkes-Clüsserath, Lebens- und Trauerbegleiterin

Immer wieder bekomme ich Geschenke in Form von tröstlichen Umarmungen, nährenden Worten und ermutigendem Zuspruch. Auch mein Mann und die Hunde sind herzlich willkommen und können so sein, wie sie gerade sind: neugierig und interessiert (mein Mann) und kontaktfreudig und haarig (die Hunde).

Co-Trainerin Wilma fotografiert von Sabine Arndt (enjoy fotography)

Das ist für mich genau das, was Sarah Schäfer und Julia Meder mit eigenstimmig geschaffen haben:

Ich kann ganz ich selbst sein, für mich und meine aktuelle Stimmung einstehen; selbst dann, wenn meine Lebensgeister gerade in den Seilen hängen und mir die Tränen über die Wangen laufen. Keine Maske, kein falsches Lachen, kein stark sein müssen.

Dafür bin ich dankbar!

Dankbar, dass ich mich nicht verstellen muss.

Dankbar, dass ich trotz akuter Lebensgeisterflaute dazugehöre.

Dankbar, dass ich so viele tolle Frauen kennenlerne.

Dankbar, dass ich um viele wertvolle Impulse angefüllt bin.

Dankbar, dass mich schöne Erinnerungen bereichern.

Ich lerne:

Meine Auftankzeiten – ich hoffe doch, dass noch zahlreiche folgen – müssen zukünftig ganz nah an meiner Lebenssituation sein.

Das bedeutet, dass ich mir am Urlaubsort vorab stets eine onkologische Betreuung suche und während dieser Zeit meine Therapien fortführe. Und dass wir Unterkünfte finden, die wir notfalls kostenlos stornieren können.

Ein gelungener „Ortswechsel mit Urlaubselementen“:

  • Wenn die Bleibe schön hell und freundlich ist und wir diese gut mit dem Auto erreichen
    (z. B. Deutschland, Dänemark, Schweden).
  • Wenn unsere Hundedamen herzlich willkommen sind. Wir bringen auch immer ganz viele eigene Decken mit, die wir über die Polstermöbel legen.
  • Wenn gute Gassistrecken vor der Haustür liegen, idealerweise auch ein Garten oder Hof für die kleinen Geschäfte. Hundehäufchen räumen wir selbstverständlich auch wieder weg.
  • Wenn ich onkologisch gut versorgt werden kann.
  • Wenn es ein gutes W-Lan gibt.
  • Wenn wir kurzfristig ohne finanziellen Verlust stornieren können, falls mir meine Erkrankung keine andere Wahl lässt.

Sollte unter den LeserInnen jemand sein, der eine Ferienwohnung oder ein Häuschen hat, das diese Kriterien erfüllt, bitte gerne melden!

Nun genießen wir die letzten Tage hier in der schönen Pfalz, streifen noch einige Male durch die bunten Weinberge und freuen uns, dass wir auf der Rückreise ein paar Lebensgeister mehr mit nach Hamburg nehmen können.

Hildegard darf übrigens auch mit zurückfahren. Ihr widme ich nämlich meine 30 Skizzen im November. Das ist die Zeichenchallenge von der Freiraumfrau. Letztes Jahr habe ich 30 Tage lang täglich meine Lebensgeister gezeichnet.


Der Podcast

Das Interview, das ich im Mai 2018 für eigenstimmig gegeben habe, findet ihr hier: Wirbelnde Lebensbilder. Entsprechende Hintergrundinformationen dazu gibt es im Blogbeitrag „Warum mein Tod lila Jogginghosen trägt“.

Gleich weiterstöbern:

Teilen:

8 Kommentare zu “Mit Hildegard am Rockzipfel so richtig eigenstimmig sein”

  1. Michaela sagt:

    Hei Hei meine liebe Bine, nun wo Hildegard sich inzwischen so in den Vordergrund drängelt …finde ich, dass es nach 3 Jahren einmal Zeit wird, dass wir einen Hort für sie finden. Einen Hort der universellen Verbundenheit, wo du sie einfach mal abgeben kannst/darfst und wir Zugehörigen unsere Zuversicht, unser Vertrauen, unsere Wärme und unsere Fürsorge (und was sonst noch so gebraucht wird) hinschicken und uns um sie kümmern mir gefällt der Gedanke ausnehmend und unterstütze dich gern bei der Gestaltung…wie immer sind meine Gedankenwölkchen bei dir/euch. Fühl dich fernumärmelt (im Moment ist es ja gar nicht so weit )und vielleicht weihst du Hildegard schon mal in die Idee ein…Michi ❤

    1. Der „Hort der universellen Verbundenheit“ klingt ganz zauberhaft! Danke für die Idee und deine Gedankenwölkchen, liebe Michi :*

  2. Sarah Schäfer sagt:

    Liebe Sabine,
    du hattest mich auf deinen Blogbeitrag ja schon vorbereitet und dennoch fehlen mir die Worte. Dich, deinen Liebsten und die Hundedamen so nah hier zu haben, war so wunderschön! Und ich sagte es an anderer Stelle schonmal:ich mag so sehr, dass du du deine Sorgen (mit)teilst, ihnen Raum gibst, dich nicht versteckst und Hildegard mittenrein stellst, dabei aber nie die Schwere abgibst. Schon dreimal nicht an Menschen, die die Schwere nicht tragen könnten.
    Danke dir dafür, dass ist für mich – und für uns – auch eine bereichernde Erfahrung.
    Ich freu mich sehr auf alles, was da ganz nah an der Lebenssituation kommt und was wir in die Lebenssituation einfädeln.
    Alles Liebe
    Sarah

    1. Liebe Sarah,
      deine Worte tun mir so gut und freuen mich sehr. Ich bin froh, meine Sorgen mit euch teilen zu dürfen, ohne euch damit zu beschweren. Das ist doch ein echtes Geschenk, dass wir das gemeinsam hinbekommen!
      Fernwehgrüße in die Pfalz
      Sabine

  3. Carola Fackert sagt:

    Liebe Sabine! Ich denke an dich und wünsche dir einen großen, runden Tisch, an dem du mit all deinen Begleitern, Menschen, Hunden, inneren mehr-oder-weniger-Willkommenen (Hildegard und Konsorten), sitzen kannst auf superst bequemen Sitz-und Gelagegelegenheiten, und das Leben feierst! Macht Musik, eßt das Lieblingsessen, tanzt,lacht, erzählt, weint, schweigt – alles,alles,alles hat seinen guten Platz!

    Und an deinen Mann: aus dem Talmud: `Ein jeder Grashalm hat seinen Engel, der sich über ihn beugt, ihn bewacht und ihm zuflüstert:“ Wachse, wachse!“`

    Antwort ist nicht notwendig, die Kräfte werden woanders gebraucht!
    Alles Liebe, Carola

  4. B. Cottin sagt:

    Viele liebe Gedanken für diese Zeit!
    Und vielen, vielen Dank für Ihre Veröffentlichungen!

    1. Ganz herzlichen Dank für die warmen Worte!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sabine | Dinkel
Vierländer Damm 48
20539 Hamburg

040 - 181 14 440
gutentag@sabinedinkel.de

Impressum
Datenschutzerklärung
Bleiben Sie am Ball! Abonnieren Sie hier den RSS-Feed von Sabine Dinkel.